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Dürfen wir über den Tod lachen?

Mit dieser Frage beschäftige ich mich seit ein paar Wochen und irgendwie scheint es für viele ein schwieriges Thema zu sein.

Kommt das Gespräch auf das Thema "Tod", kenne ich normalerweise diese Reaktionen:

  • Überraschung
  • Entsetzen „echt?“
  • Plötzlicher Themenwechsel
  • Thema gekonnt überhören
  • Oder plötzlich einsetzender Fluchtreflex

Es ist doch wirklich keine Überraschung, dass wir sterben!

Der Tod ist doch das Einzige im Leben, was jeden definitiv treffen wird, ob er will oder nicht. Okay, vielleicht können wir ein paar Jahre mehr raushandeln, wenn wir ganz brav sind, aber ob das wirklich so ist, wissen wir nicht.

Schon so mancher Kettenraucher wurde einhundert Jahre alt und der extreme Gesundheitsfanatiker starb mit dreißig Jahren.

Wir haben den Tod aus unserem Alltag verdrängt. Wenn er uns dann doch trifft (Was für eine Überraschung ;-)), dann zieht er uns so plötzlich den Teppich unter den Füßen weg, dass der Tod uns ziemlich ins straucheln bringt.

Vielleicht können wir eine andere Sichtweise auf den Tod ausprobieren?

Wäre es nicht eine Idee, wenn wir uns den Tod als Freund vorzustellen, der uns ein Stück des Weges – wohin auch immer – begleitet?

Vielleicht hat dieser Freund sogar Humor und ein Herz?

Irgendwie finde ich diese Idee sehr tröstlich und es liegt ja an uns, wie wir mit dem Tod umgehen.

Inka Nisinbaum hat sich auch mit dieser Frage beschäftigt. Sie leidet seit Ihrer Geburt an Mukoviszidose. Obwohl die Ärzte ihr keine lange Lebenserwartung vorausgesagt haben, ist sie heute noch da und hat nach einer erfolgreichen Transplantation einen gesunden Sohn bekommen. Ihre Biografie hat sie in ihrem ersten Buch „Ich bin noch da“ veröffentlich.

Ihr zweites Buch „Email from Death“ ist gerade in Arbeit. Auszüge davon habe ich auf ihrem Blog entdeckt und sie gefragt, ob ich die Textauszüge hier veröffentlichen darf und Inka war einverstanden.

Bevor ich euch gleich die Textauszüge vorstelle, möchte ich noch die Eingangsfrage beantworten: Ja, ich finde wir sollten über, wie auch mit dem Tod lachen und ich freue mich sehr, dass Inka uns eine andere Sichtweise auf den Tod zeigt.

Ich wünsche euch viel Vergnügen beim Lesen.


Textauszug aus dem neuen Buch "Email from Death" von Inka Nisinbaum

Himmelreich, 12. September
Betreff: Einberufungsbescheidnummer 36790973d
Sehr geehrte Frau Kampman,
aufgrund der mir vorliegenden Daten muss ich Sie leider darüber in Kenntnis setzen, dass Ihre Lebenszeit am 13.12. diesen Jahres endgültig ausläuft. Auf Grund der zeitlich sehr engmaschig organisierten Todesfälle muss ich Sie weiterhin darauf hinweisen, von Diskussionen, bezüglich Ihres Todesdatums, am Tage Ihres Todes, abzusehen.
Falls Sie Widerspruch einlegen wollen, tun Sie dies bitte in Bezugnahme auf Ihre Einberufungsbescheidnummer schriftlich innerhalb der nächsten 2 Tage nach Erhalt dieses Schreibens.
Hochachtungsvoll,
Beate Klein,
Stellvertretend für Den Tod

Hamburg, 3 Stunden später
Betreff: Wie bitte?
Frau Klein, oder wie auch immer Sie heißen mögen,
ich habe keine Ahnung, wo Sie meine Mailadresse her haben, ob dies ein schlechter Scherz sein soll oder Sie an einer psychischen Erkrankung leiden, aber eins kann ich Ihnen versichern, lachen tue ich nicht. Ich werde Sie und Ihre kranken Ideen sofort bei mir blockieren, damit ich keine weitere Mail mehr von Ihnen bekommen kann. Sie können Sich jede weitere Mühe sparen.
Doch zuvor wollten ich Ihnen noch gesagt haben, wie abscheulich Sie sind.
“Hochachtungsvoll”,
K.

Himmelreich, 36 Minuten später
AW:
Sehr geehrte Frau Kampman,
wenn dies ein Widerspruch sein soll, müssen Sie bitte Ihre Einberufungsbescheidnummer angeben. Ansonsten können wir Ihren Widerspruch nicht bearbeiten.
Sie haben noch einen Tag Zeit, die fehlende Information nachzureichen.
Hochachtungsvoll,
Beate Klein,
Stellvertretend für Den Tod

Hamburg, 10 Minuten später
RE:
Hören Sie auf, mir Mails zu schicken!!! Und wie haben Sie es überhaupt geschafft, an meinem Spam-Filter vorbei zu kommen?
Egal, HÖREN SIE AUF, MIR MAILS ZU SCHICKEN!!!

Himmelreich, 1 Tag später
Betreff: Einberufungsbescheid #36790973d
Liebe Lina,
bitte hab etwas Geduld mit uns. Der Service, dass wir Kunden gut 3 Monate vor ihrem Sterbedatum über eben jenes informieren, ist neu, nicht nur für dich, auch für uns. Du gehörst zu der Testgruppe an Menschen, die ein derartiges Schreiben von uns bekommen haben und damit die Möglichkeit, Widerspruch einzulegen.
Doch unser Service wird noch nicht zu 100% von den von uns angeschriebenen Kunden angenommen und ich würde dich daraufhin gerne darum bitten, folgende Fragen kurz zu beantworten:
Was können wir anders machen?
Was fehlt?
Und was hat dich zu deiner letzten Mail bewogen in der du unmissverständlich forderst, nicht wieder kontaktiert zu werden?
Hochachtungsvoll,
Der Tod
P.S.: Deine Frist, Widerspruch einzulegen, läuft heute, um Mitternacht deiner Zeit, ab.

Hamburg, drei Stunden später
Kein Betreff
Okay, meinen Vornamen hast DU, ja, ich werde jetzt auch das du verwenden, offensichtlich im Telefonbuch gefunden. Ja, sehr clever, hat mich tief beeindruckt.
Aber okay, spiele ich dieses Spiel halt mal eine Runde mit und gehen wir einfach mal davon aus, dass dein Schreiben echt ist. Alle deine Schreiben, auch die von der guten Frau Klein, echt sind. Nur mal so Spaßes halber.
Und gehen wir mal davon aus, dass ich tatsächlich am 13.12. das Zeitliche segnen werde was, nur mal so am Rande bemerkt, recht unwahrscheinlich ist. Ich bin jung, gesund und außer ein paar Kopfschmerzen hin und wieder, geht es mir wunderbar.
Aber nun gut, gehen wir einfach mal davon aus, dass dein Geschreibsel der Wahrheit entspricht, dann würde ich dir nun als Antwort schreiben, oder besser gesagt dich fragen, wie ich denn sicher sein kann, dass mir der Tod persönlich schreibt und nicht sein, immer zu makabren Späßen aufgelegter, Neffe?
Um deinen Worten tatsächlich Glauben schenken zu können, müsstest du dir schon eine kleine Präsentation deines wahrhaftigen Daseins einfallen lassen.
Darauf bin ich nun aber mal gespannt.
Oh und es ist jetzt 23:59 Uhr, Ortszeit. Gute Nacht!!!

Himmelreich, 15. September
AW:
Liebe Lina,
ich muss zugeben, du bist nicht die Erste, die etwas derartiges fordert.
Doch leider muss ich dir, wie auch allen anderen, sagen, dass ich für Präsentationen meines wahrhaftigen Daseins leider keine Zeit habe. Wie du dir vorstellen kannst, habe ich einen äußerst stressigen Job. Dass ich Zeit zum Mailschreiben finde liegt nur daran, dass die Zeit hier oben langsamer verstreicht, als bei dir auf der Erde. Doch für nebenberufliche Hausbesuche, nein, da habe ich beim besten Willen keine Zeit zu.
Leider ist deine Frist, Widerspruch gegen dein Sterbedatum einzulegen, ebenfalls gestern, eine Minute nach deiner letzten verschickten Mail, abgelaufen.
Ich werde damit Frau Klein bitten, deinen Einberufungsbescheid als Akzeptiert abzuheften.
Ich wünsche dir viel Glück für deinen Arztbesuch morgen früh, sorge dich nicht, es wird nicht lange dauern.
Hochachtungsvoll,
Der Tod

Hamburg, 16. September
Betreff: Okay…
…nun wird es doch etwas gruselig.
Verfolgst du mich?
Kennen wir uns vielleicht sogar?
Woher zum Teufel wusstest du von meinem Arztbesuch heute morgen? Niemand wusste von meinem Arztbesuch.
Bist du professioneller Stalker?
Wenn ja, dann verrate mir doch bitte auch gleich meine Diagnose.
Dann kann ich mir den Anruf morgen im Krankenhaus sparen. Das wäre nett.

Hamburg, 37 Minuten später
Betreff: ???
Na, ist dir die Puste ausgegangen?
Keine kluge Mail als Antwort?
Oder ist dir schlicht noch keine Diagnose für mich eingefallen?
Wie auch immer, du ödest mich allmählich an, verängstigt bin ich nicht mehr, du kannst dir ein anderes Opfer suchen.
Hochachtunfsvoll,
L.

Himmelreich, 48 Minuten später AW:
Liebe Lina,
dein Termin bei Dr. Straub ist in deinem Einberufungsbescheid vermerkt.
16.09.: Besuch bei Dr. Straub. Um 9:30 Uhr MRT – Blutuntersuchungen,
Diagnose am 17.09.: Inoperabler Hirntumor,
Sterbedatum: 13.12.
Wenn du noch weitere Fragen hast, melde dich.
Hochachtungsvoll,
Der Tod

Hamburg, 2 Tage später
Betreff: Hilfe
Bis vor zwei Tagen hatte ich noch gedacht, dass die grausamste Mail die ich jemals bekommen habe, die von Frau Klein, deiner sogenannten Sekretärin, gewesen wäre.
Aber heute kann ich mit absoluter Sicherheit sagen, dass deine letzte Mail alles, was ich jemals an schrecklichem erlebt habe, bei weitem übertrifft.
Als Dr. Straub mich gestern zu sich ins Krankenhaus bestellte wusste ich schon, was für Neuigkeiten auf mich warteten. Ich wusste es und auf der anderen Seite versuchte ich mir immer wieder einzureden, dass deine Mail nicht der Wahrheit entsprechen konnte. Du konntest schließlich nicht wissen, wie meine Diagnose lauten würde. Inoperabler Hirntumor. Weniger als ein halbes Jahr bleibt mir. Wenn ich deiner Prognose Glauben schenken soll sogar noch weniger.
Woher wusstest du das alles? Noch bevor ich es wusste?
Arbeitest du im Krankenhaus?
Bereitet es dir ganz einfach nur Freude, Patienten gruselige Emails mit ihren noch gruseligeren Diagnosen zu schicken?
Woher hast du meine Mailadresse?
Und wieso hast du mich noch vor meinem Krankenhaustermin angeschrieben? Noch bevor meine Diagnose überhaupt feststand?
Ich verstehe das alles nicht.
Seit gestern verstehe ich so oder so überhaupt nichts mehr. Wie kann es sein, dass ich bald sterben werde? Sterben!!!!
Geht das überhaupt wenn man noch so jung ist wie ich und eigentlich gesund?
Ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen. Sterben ist nichts für mich. Jetzt doch noch nicht! In 70 Jahren vielleicht aber doch nicht jetzt. Das ist jawohl total verrückt!
Und fast noch wichtiger, wieso schreibe ich dir überhaupt noch?
Ich kenne dich überhaupt nicht. Ich weiß nicht, ob du irgendein Irrer bist der sich daran aufgeilt, mit einer Sterbenden zu kommunizieren. Eigentlich weiß ich rein gar nichts mehr. Alles was ich jemals wusste, meinte zu wissen, scheint plötzlich nichts mehr wert zu sein.
Alles, was ich jemals zu wissen glaubte hat sich in dem Moment in Luft aufgelöst, negiert, als falsch erwiesen, mir buchstäblich in den Arsch getreten, als ich die Worte “Inoperabler Hirntumor” hörte.
Wie soll ich denn jetzt weiterleben?
Die paar Monate, die mir noch geblieben sind?
Und in dem Zusammenhang fällt mir plötzlich wieder die Mail von Frau Klein ein, deiner vermeidlichen Sekretärin. Gibt es vielleicht doch einen Einberufungsbescheid mit der Nummer 36790973d?
Und wenn ja, bist du dann wirklich und wahrhaftig der Tod? Der Tod? Der mit Sense und dunklem Kaputzenumhang?
Oder drückt mein Hirntumor eventuell doch schon, entgegen den Behauptungen von Dr. Straub, auf irgendwelche Zentren, die mich langsam aber sicher meinen Verstand verlieren und vom Tod geschriebene Mails einbilden lassen?
L.

Himmelreich, 8 Stunden später
Betreff: Ungünstig
Liebe Lina,
ich möchte mich bei dir entschuldigen.
Es war in der Tat eine etwas unglückliche Entscheidung, dich, die an einem Hirntumor sterben wird, in die Testgruppe der ersten Kontaktaufnahme, aufzunehmen.
Dass du diese kleine Korrespondenz zwischen uns auf deinen Hirntumor zurückführst, ist nicht verwunderlich.
Doch genau wie Dr. Straub kann auch ich dir hiermit versichern, dass du bis zum 12.12. deinen Verstand, deine klaren Gedanken und deine Persönlichkeit behalten wirst.
Hab keine Angst! Hochachtungsvoll,
Der Tod

Hamburg, eine Woche später, 25. September
Betreff: Also gut
Sehr geehrter Tod,
es ist jetzt eine Woche her, dass ich dir, du mir geschrieben hast und in dieser einen Woche ist viel passiert.
Zunächst habe ich fast täglich mit Dr. Straub telefoniert und ihn wieder und wieder darum gebeten, sich meine MRT Bilder nochmals anzuschauen. Nochmals sicher zu gehen, dass ich tatsächlich einen Hirntumor habe. Dass er tatsächlich inoperabel ist. Dass ich tatsächlich sterbe.
Als ich nach drei Tagen hier nicht weiterkam, bin ich zu einer Selbsthilfegruppe für Krebspatienten gegangen. Doch zu sehen, dass auch andere viel zu früh aus dem Leben scheiden müssen hat mir nicht im Geringsten dabei geholfen, meine eigene Diagnose anzunehmen.
Ich fühle mich noch immer ungerecht behandelt und schlicht und ergreifend total überfordert.
Was soll ich denn jetzt machen?
Wie soll ich weiterleben? Haha, weiterleben…okay, diese Frage kannst du streichen.
Aber wie begegne ich nun meinen Freunden? Postet man dergleichen auf Facebook? Auf Twitter?
Hält man es vielleicht sogar geheim?
Ich könnte ewig viele Sätze mit Fragezeichen am Ende aufschreiben und das werde ich auch denn ich habe ja zum Glück den besten Mailkontakt, den man sich in einer solchen Situation nur wünschen kann – den Tod höchst persönlich.
Wer könnte mir besser helfen auf die abermillionen Fragen, die in meinem Kopf herum schwirren, eine Antwort zu finden?
Wer könnte mir besser dabei helfen, die Angst vor dem Sterben zu überwältigen, als der Tod selbst?
Ich muss sagen, es fühlt sich extrem nach Hirntumor an zu akzeptieren, dass du tatsächlich der Tod bist.
Aber es hilft mir schlicht mir vorzustellen, dass ich mit demjenigen über mein Schicksal sprechen kann, der dafür verantwortlich ist.
Und da ich für umständliches Hin und Her, für “ich glaube dir”, “ich glaube dir nicht”, “du bist der Tod”, “du bist es nicht” eh keine Zeit mehr habe und dringend Hilfe brauche, halte ich jetzt einfach mal fest:
Ich bin Lina, du bist der Tod…uff!
Weiterhin muss ich dir sagen, ich möchte keine Details mehr über meine letzten Monate im Leben zu lesen bekommen. Denn dank dir habe ich plötzlich nicht mehr Angst vor dem 13.12., sondern vor dem 12.12.
Du schreibst, dass ich bis zum 12.12. bei klarem Verstand sein werde, aber sterben werde ich erst einen Tag später.
Also bitte, erzähl mir nichts mehr über mich. Ich kann es nicht ertragen, es im Voraus zu wissen. Ich will es nicht wissen.
Vielmehr wünschte ich, ich hätte niemals vom 13.12. erfahren. Niemals vom 12.12.
Und das Skurilste ist, ich hätte niemals davon erfahren, wäre ich nicht eine deiner Testpersonen geworden, hätte ich nicht deine seltsame Mail bekommen.
Ich hätte, bevor ich es realisiert hätte, bereits meinen Verstand verloren gehabt.
Wäre ohne Verstand und ohne einen Gedanken an dich zu verschwenden, ganz einfach nur gestorben.
Vielleicht solltest du deinen neuen Service, Kunden über ihren nahenden Tod zu informieren, noch einmal überdenken.
Lina

Himmelreich, 2 Stunden später
Betreff: Einwurf
Sehr geehrte Frau Kampman,
Ihr Feedback, dass Sie lieber nicht über Ihr anstehendes Sterbedatum informiert worden wären, wird in die Auswertung der Testgruppenergebisse mit einfließen.
Haben Sie herzlichen Dank. Ihr Feedback lässt uns besser werden.
Hochachtungsvoll,
Beate Klein,
Stellvertretend für Den Tod

Hamburg, 26. September
Betreff: An den Tod, NICHT Frau Klein!
Sehr geehrter Tod,
ich bin wirklich erleichtert zu erfahren, dass mein Feedback dir oder euch dazu verhilft, besser zu werden. Diese Worte habe ich übrigens mit einem sarkastischen Unterton geschrieben.
Aber erlaube mir nun auch eine meiner ersten Fragen an dich:
Was ist mit mir?
Wer hilft mir?
Weißt du, nun wahrscheinlich weißt du es sogar, ich war noch nie in meinem Leben so verzweifelt, so durcheinander und so verloren, wie jetzt.
Ich bin so unauffindbar verloren, dass ich schon Mails an den Tod schreibe. Wenn ich das meinem Arzt erzählen würde, würde ich zusätzlich zu der Krebsstation auch noch die psychiatrische Abteilung kennenlernen dürfen.
Aber wie auch immer, meine Frage bleibt:
Was nun?
Was soll ich nun machen?
Hast du dir auch darüber Gedanken gemacht, als du mich in deine tolle Testgruppe aufgenommen hast?
Was soll ich nun mit den knapp drei Monaten anfangen, die mir laut deiner Mail noch bleiben?
Jeden Tag ´ne verdammte Party schmeißen?
Mich besaufen und vergessen?
Jeden Tag Süßigkeiten und fettes Essen essen, denn mein Cholesterin braucht mich schließlich nicht mehr zu interessieren?
Oder am besten so weiterleben wie zuvor?
Morgens die Hand voll Pillen einwerfen, die Dr. Straub mir verschrieben hat und dann ganz normal zur Arbeit gehen?
DU hast das alles ins Rollen gebracht, DU hast mir dies alles eingebrockt.
Jetzt hilf mir auch und beweis mir, dass du tatsächlich der Tod bist und nicht irgendein Irrer, der nur darauf wartet, dass ich in die Gummizelle neben ihm einziehe.
Lina

Himmelreich, 27. September
Betreff: Hilfe
Liebe Lina,
du bist die Erste in mehreren billionen Jahren, die mich, den Tod, um Hilfe bittet – ich muss sagen, das hat mich berührt. Sich hilfesuchend an den Tod zu wenden, ist seit dem heutigen Tag einzigartig in der Geschichte des Sterbens. Danke.
Auch bist du die Erste die anfängt zu akzeptieren, dass sie Post vom Tod persönlich erhalten hat. Für diesen Glauben, dieses Vertrauen möchte ich mich gerne revangieren und dir in der Tat helfen, eine Antwort auf deine offenkundig zahlreichen Fragen zu finden.
Doch bevor ich dir helfe, dir Antworten sende, muss ich dich warnen denn es hat einen Grund, warum sich seit mehreren billionen Jahren die Menschen hilfesuchend an Gott und nicht an mich wenden.
Gott ist derjenige, der mit den Menschen kommuniziert, ich derjenige, der mit ihren Seelen in Kontakt steht. Dennoch, die Aufgabe meines Daseins ist es, genau wie die Gottes, den Menschen helfend zur Seite zu stehen. Und daher werde ich mein Bestes tun, dir zu helfen. Das bin ich dir schuldig.
Nun zu deiner Frage, wie du deine letzten Wochen Leben gestalten sollst. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass beinahe jeder Mensch es anders handhabt. Doch es gibt im Großen und Ganzen drei Kategorien, in die ich das Handeln eines sterbenden Menschen einzuteilen pflege.

Kategorie 1:
Eine sogenannte Löffellist anfertigen und abarbeiten. Mit Löffelliste meine ich den Trend, eine Liste zu erstellen auf der all die Erfahrungen vermerkt sind, die die Sterbenden noch unbedingt in ihrem Leben machen möchten und diese dann abzuarbeiten. Die verbleibende Zeit so gut es geht zu nutzen und mit Leben zu füllen. Der Film Das Beste kommt zum Schluss erklärt die Idee der Löffelliste sehr gut. Falls du ihn noch nicht gesehen hast – ich kann ihn nur empfehlen.

Kategorie 2:
Sein Leben genauso weiterleben wie zuvor. Zur Arbeit gehen, Freunde treffen und die Tatsache ignorieren, dass ich mich schon auf den Weg gemacht habe

Kategorie 3:
Sich stur stellen und alles daran setzen, mehr Zeit herauszuschlagen. Jede Therapie mitmachen, solange es nur noch einen Funken Hoffnung gibt.

Doch letztendlich musst du deinen eigenen Weg finden, es gibt kein Patentrezept. Nur noch eins: Diejenigen, die Kategorie 1 wählen, folgen mir meist mit einem Lächeln auf den Lippen. Sich vorzubereiten, zu akzeptieren, scheint die Beste der drei Varianten zu sein.
Hochachtungsvoll,
Der Tod

Hamburg, eine Stunde später
Betreff: NEIN!
Sehr geehrter Tod,
deine Mail, sie hat mir mal überhaupt nicht geholfen. Ich will keine Löffelliste machen, den Film kenn ich schon und ich will mich auch nicht vorbereiten.
In den drei Monaten, die du mir noch zur Verfügung stellst, kann ich nichts, was mir im Leben noch wichtig gewesen wäre, erleben.
Und in drei Monaten kann ich mich auch nicht auf meinen Tod, oder besser gesagt dich, vorbereiten. Wie soll das gehen? Drei Monate.
Ich habe abgepackten Käse in meinem Kühlschrank der länger haltbar ist.
Dann will ich ebenso wenig jeden Morgen aufstehen, so tun als ob alles in Ordnung wäre und zur Arbeit gehen, wo mir mein Chef verspricht, dass ich in einem halben Jahr garantiert befördert werde. Nein danke.
Und noch weniger will ich meine Zeit in Krankenhäusern zubringen und dutzende von sinnlosen Therapien über mich ergehen lassen, um Hoffnung zu schüren. Denn Hoffnung, die hast du mir bereits mit deinem ersten Schreiben genommen.
Erinnerst du dich? Hoffnung bleibt einem keine mehr, wenn man sein Sterbedatum bereits kennt. So, und nun was?
Es tut mir leid, dass ich so verbittert und verärgert klinge aber ich kann es beim besten Willen nicht verstecken!
Wieso ist meine Zeit schon in drei Monaten um?
Gibt es dafür einen Grund? Hab ich irgendwas getan, nicht genug gebetet, nicht oft genug alten Omis über die Straße geholfen?
Oder hat Gott mein Leben bei ´ner Runde Poker mit dir verloren? Ups, da geht das nächste Leben hin, na egal, gibt ja genug. Noch ´ne Runde?

ICH WILL ANTWORTEN! Ich will eine Erklärung, warum gerade ich in drei Monaten an einem Hirntumor sterben muss und nicht zum Beispiel die Verkäuferin beim Bäcker? Oder noch besser, mein alter Mathelehrer? WIESO ICH?
Ach und noch etwas, dass Hochachtungsvoll kannst du dir in deiner nächsten Mail ebenfalls sparen.
Ich bewerte dich nicht nach deiner Mail-Höflichkeit, sondern danach, dass du in drei Monaten bei mir vor der Tür stehen wirst. Und du hast einen DVD Spieler zu Hause? Dann nimm dir an Joe Black ein Beispiel. Der war dazu bereit, eine Ausnahme zu machen.
Lina

Himmelreich, 28. September
Betreff: Antworten
Liebe Lina,
es sind nur 2 Tage vergangen, seid ich das erste Mal um Hilfe und Rat gefragt wurde und schon jetzt fange ich an, Gott ein ganzes Stück weit weniger zu beneiden als zuvor.
Es ist extrem schwierig für mich, mit Menschen zu kommunizieren. Ihre Emotionen zu verstehen und ihre Art des Fragen Stellens.
Denn so vieles, auf das du Antworten haben willst, existiert im Reich der Toten gar nicht erst als Frage.
Wieso du?
Wieso schon in drei Monaten?
Und wieso nicht jemand anderer an deiner Stelle? Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Es ist ganz einfach so.
Am 13.12. bist du an der Reihe. Am 13.12. ist deine Zeit im Leben abgelaufen. Es – ist – einfach – so!
Doch was es dir so schwer macht, dieses einfache Gesetz zu akzeptieren, ist deine Vorstellung von deinem Dasein.
Für dich ist Dasein einzig und allein mit dem Leben verbunden. Lebst du, dann lebst du. Bist du tot, dann ist ALLES zu Ende.
Dabei weißt du es gar nicht genau. Ist danach wirklich alles zu Ende?
Fängt das eigentliche Leben vielleicht nach dem Sterben erst an?
Ich sage nicht, dass es ein Leben danach gibt, aber ich sage genauso wenig, dass nach dem Sterben alles vorbei ist.
Dann ist es ebenso eine Fehleinschätzung von dir, dass du dir ein langes Leben verdienen musst. Oder dass jemand, der ein langes Leben lebt, für etwas belohnt wird. Lebenszeit lässt sich nicht nach der Anzahl der Jahre bewerten.
Ein 10 Jahre langes Leben ist nicht weniger wert, als ein 80 Jahre langes Leben. Ein Greis scheidet nicht reicher aus dem Leben, als ein Neugeborenes. Sie haben beide das im Leben erfahren, was sie erfahren wollten. Und damit schließt sich ihr Kreis.
Es ist ganz simpel. Es gibt keine komplizierten Erklärungen, keine komplizierten Gründe, es ist liebe Lina, ganz einfach wie es ist.
Der Tod



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8 Comments

  1. Sybille sagt:

    Liebe Melanie,

    via Facebook bin ich auf Deinen Artikel aufmerksam geworden. Ja, der Tod gehört zum Leben- er ist was ganz natürliches. Diese Aussage würden heute wahrscheinlich die wenigsten Menschen unterschreiben. Alles was nicht berechenbar – vorhersehbar ist macht Angst und der Tod ist nun mal nicht vorhersehbar. Berufsbedingt habe ich einige Jahre Menschen auf Ihrem letzten Weg begleitet. Hab Hände gehalten, weil kein anderer mehr da war – da sein wollte. Tod findet heute nicht mehr in der Gemeinschaft statt. Er geschieht im Verborgenen. Der Mensch hat sich ein ganz eigenes Schreckensgespenst erschaffen, welches er am liebsten ignoriert, verleugnen oder „totschweigen“ möchte. Und wenn wir ehrlich sind, so haben wir doch alle Angst vor Situationen, Dingen oder Aufgaben die uns fremd sind. Allerdings wird die Angst durch Ignoranz und Nichtakzeptanz nicht kleiner – sondern eher das Gegenteil ist der Fall. Warum also nicht über den Tod lachen dürfen? Wenn einem das Lachen dabei hilft etwas anzunehmen, was unweigerlich irgendwann jeden von uns trifft?!
    Herzliche Grüße
    sybille

    • Melanie Bornschein sagt:

      Liebe Sybille,
      ich danke dir für deinen Kommentar und ich gebe dir recht. Wir haben dieses Gespenst selbst erschaffen. Vielleicht können wir auch dafür sorgen, dass es wieder kleiner wird und mein Artikel ist ein kleiner Beitrag dazu.
      Liebe Grüße

      Melanie

  2. Bettina sagt:

    Liebe Melanie,
    Danke auch dir für deine Offenheit mit dem Tod. Er wird viel zu sehr verdrängt und auch wenn er ernst ist, kann er durchaus auf eine humorvolle Weise betrachtet werden. Nicht als Feind. Als Übel. Als das Schreckliche vom Schrecklichen. Sondern als Begleiter wie du ihn beschreibst. Eine schöne Idee.
    Danke dafür!
    Liebe Grüße
    Bettina

    • Melanie Bornschein sagt:

      Liebe Bettina,

      ich danke dir für deinen Kommentar. Ja, ich glaube, wenn wir das Bild vom Tod ändern, dann können wir uns auch die Angst nehmen. … und definitiv wissen was da kommt, tun wir es nun mal nicht.

      Liebe Grüße

      Melanie

  3. Liebe Melanie,
    Ein großartiger Blogeintrag. Respekt.
    Ich persönlich würde nicht so gehen, den Tod als Freund zu betrachten. Das wäre er, wenn das (Weiter-)Leben unerträglich wäre. Ich sehe den Tod als das natürliche Ende des Lebens in dieser Inkarnation auf diesem Planeten. Davor müssen wir keine Angst haben.
    Ich habe mal irgendwo gelesen, dass die Menschen am meisten Angst vor dem Tod haben, die das Gefühl haben, nich nicht richtig gelebt zu haben. Und meine persönlichen Beobachtungen bestätigen das.
    Ich bin in der glücklichen Situation sagen zu können, dass ich ein langes, intensives, reichhaltiges Leben hatte, in dem viele meiner Strebungen Realität geworden sind, in dem aber auch viel Schweres gewesen ist incl. schwerer Krankheiten.
    Ich habe in den letzten Jahren mehrere Fast-Tode gehabt, einmal war ich schon ganz weg mit Puls und Blutdruck null, mehrmals stellte ich in der Nacht fest, dass zwischen zwei Herzscvhlägen drei oder vier Schläge fehlten. Na ja, dachte ich, wenn jetzt der nöchste auch nich fehlt, dann war’s das wohl. Und ich hatte keine Angst, war bereit.
    Ich bemühe mich, immer einverstanden zu sein, egal wann es dann wirklich zuende ist, muss aber zugeben, dass es ganz wunderbare Situationen gibt, wo ich denke, oh, wär doch aber schön, wenn das noch ne Weile so weiter gehen könnte ..
    LG, Till

    • Melanie Bornschein sagt:

      Lieber Till,
      ich danke dir für deinen Kommentar und die andere Sichtweise auf das Thema.
      Stimmt, die Idee den Tod als Freund zu sehen, könnte auch dafür sorgen, dass er meine Probleme lösen soll, wenn mein Leben für mich nicht mehr lebenswert ist.
      Damit wären wir dann beim nächsten spannenden Thema. Welche Erwartungen habe ich an meine Freunde? Sind sie dafür da meine Probleme zu lösen?
      Ich denke nicht, ich sehe sie als Menschen, die mir beistehen und mir helfen, aber wie und wann ich das Problem tatsächlich löse liegt noch immer in meiner Verantwortung.
      Liebe Grüße

      Melanie

  4. Tom Wilhelm sagt:

    In einem Buch von Ariadne von Schirach regt sie dazu an, sich vorzustellen, Kollege Tod sitze plötzlich zu Hause auf deiner Wohnzimmercouch, nicht um dich abzuholen, nein, einfach nur um ein bisschen zu plaudern. Und im Gespräch stellte er (sinngemäß) die Frage: “Wofür lebst du eigentlich?”

    Auch eine Sichtweise auf den Tod. Für mich war es tatsächlich anregend, mich in diese Situation hineinzudenken und mir Gedanken darüber zu machen, wo ich in meinem Leben stehe – und wo ich vielleicht noch hin will …

    Liebe Grüße
    Tom

    • Melanie Bornschein sagt:

      Lieber Tom,

      vielen Dank für deinen Kommentar.

      Ich finde auch, dass der Tod auch eine Chance ist, sein Leben zu hinterfragen.

      Liebe Grüße

      Melanie

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